Eintauchen in die Welt des Vergessens

Als Dankeschön an alle im Gesundheitswesen, die in der aussergewöhnlichen Zeit mit Corona grosses leisten. Und in Erinnerung an alle, die den Kampf gegen den Virus verloren haben.

Jeder hofft, im Alter gesund zu bleiben und nie abhängig von anderen Menschen zu werden. Was aber, wenn der Mensch die Kontrolle über sein Denken verliert und auf Hilfe angewiesen ist? Fatima Maerten führt uns in den Alltag dementer Menschen im Pflegeheim Pelago ein.

Melina Maerten

„Guten Morgen Frau Stalder“.
Frau Stalder trägt ein grün-violettes geblümtes Kleid. Ihre meerblauen Augen lächeln.
„Was stricken Sie Schönes?“
„Ich weiss nicht, sie haben es mir einfach in die Hände gedrückt. Sie wissen wer ich bin, aber ich weiss nicht, wer sie sind.“
Frau Stalder hat Demenz.

Die Lift-Tür öffnet sich. Ein feiner Duft von Kürbis steigt in die Nase. Geklapper von Geschirr kommt aus der Küche. Im untersten Stock, einem dunklen Gang entlang, in der hintersten Ecke befindet sich die Garderobe. Die gelbe Farbe der Kästen sticht einem ins Auge.

Maria Fatima Carvalho Maerten steht davor. Rehaugen, blond gefärbte, kurze Haare, stilvoll gekleidet. Sie ist temperamentvoll und kommunikativ. Fatima Maerten ist gebürtige Portugiesin. Mit 18 Jahren ist sie in die Schweiz gezogen. Sie arbeitete zwei Jahre in einer psychiatrischen Klinik in Zihlschlacht und weitere zwei Jahre im St. Galler Kantonsspital in der Krebsabteilung. Sie spricht fliessend Schweizerdeutsch, zwischendurch ist ein weicher Akzent zu hören. Seit 25 Jahren pflegt und betreut sie im Pflegeheim Pelago in Rorschacherberg Menschen im hohen Alter bis zu ihrem Tod.

Fatima Maerten kommt aus der Garderobe und trägt eine kurzärmlige Bluse mit breiten Hosen. Die Kleider sind schneeweiss und riechen frisch gewaschen. An der linken Brust trägt sie ihr Namensschild mit dem Pelago-Logo versehen. Die Hausschuhe sind vorne aus Hygiene- und Sicherheitsgründen geschlossen.

Der 4. Stock ist eine geschlossene Station. Die Bewohner sind auf tägliche Unterstützung angewiesen. Fatima Maerten fährt mit dem Lift nach oben. Neben der Türe steht eine Holzbank, die ein heimeliges Gefühl vermittelt. Es ist eine Wohngemeinschaft, weit weg vom sterilen Krankenhaus. Die Einrichtung ist altersgerecht ausgestattet. Schwarz-weisse Fotos von Rorschach hängen an den Wänden. Es versetzt die Bewohner in ihre frühere Zeit zurück.

Der Eingang mündet in einen langen Gang gefolgt von einem offenen grossen Wohnraum: Vier Holztische, eine Eckbank und zwei Betten. Grosse, lichtdurchflutete Fenster erhellen den Raum. Die Aussicht auf den Bodensee und die herumliegenden Wohn- und Hochhäuser sind beeindruckend. Insgesamt 23 demenzkranke Bewohner leben hier.

Eine geistige Leistungseinschränkung und Verhaltensänderungen im höheren Lebensalter sind die Symptome von Demenz. Die Verluste der intellektuellen Funktionen wie Erinnern und Verknüpfen von Denkinhalte treffen auf jede demente Person zu. Erste Anzeichen für eine Demenz sind die Verschlechterung des Kurzzeitgedächtnisses oder der örtlichen Orientierungsfähigkeit.

„Guten Morgen Frau Kreis“.
„Grüezi“.

Bei der 86-Jährigen ist die Krankheit gering ausgeprägt. Zusammenhänge im Kopf fehlen, vollständige Sätze sind nicht mehr möglich, aber sie begreift, dass Fatima Maerten ihr hilft.

Zur täglichen Pflege gehört das Waschen der Bewohner. Für die eigene Sicherheit der Patienten sind die Betten von einem Holzgestell umgeben. Fatima Maerten erklärt jeweils die Schritte, die sie macht und spricht Frau Kreis immer mit dem Nachnamen an, aus Respekt. Ursina Kreis kann nicht mehr allein auf die Toilette gehen. Sie trägt Inkontinenzeinlagen, Windeln für ältere Leute. Aus hygienischen Gründen trägt Frau Maerten beim Arbeiten blaue Gummi-Handschuhe. Sie bereitet ein Becken mit lauwarmem Wasser und einer juckreizstillenden sowie rückfettenden Hautwaschemulsion vor. Ihre Arbeit vollzieht sie zügig aber behutsam.

„Wir legen uns jetzt auf die Seite, ich helfe ihnen“. Fatima Maerten zieht ihr zuerst die Hosen aus und beginnt sie zu waschen. Frau Kreis bedankt sich und lässt die Körperpflege über sich ergehen.

Im Zimmer hängen Fotos von Ursina Kreis und ihrer Familie. Im Hintergrund ertönt im Radio alter Schlager, ihre Lieblingsmusik. Frau Maerten drückt den roten Knopf neben der Tür. Eine Kollegin eilt zur Hilfe, um zusammen mit Kraft und gleichzeitiger Sanftmut, Frau Kreis in den Rollstuhl zu setzen. Ein Körper ist schwer, das geht in die Arme und in den Rücken. Die Holzbetten sind technisch ausgestattet und können hoch-und runtergefahren werden, dass erleichtert die Arbeit enorm.

Fatima Maerten rollt Frau Kreis ins Bad und lässt das Wasser im Lavabo einlaufen. Das Oberteil wird nun sitzend ausgezogen und mit einem anderen Tuch wird sie gewaschen. Jede Person bekommt eine individuelle Pflege. Ursina Kreis ist noch selbstständig genug, dass sie die Zähne putzen und das Gesicht waschen kann, ganz gleich, wie lange es dauert. Wichtig ist, dass die Ressourcen erhalten bleiben, indem berücksichtigt wird, was die Menschen noch allein machen können und indem dies gefördert wird.

„Gut machen Sie das Frau Kreis“.

Eine Pflegerin ist mehr als nur eine Betreuerin. Sie ist Stylistin, Coiffeuse, Kosmetikerin und Seelsorgerin. Im eingebauten Kleiderschrank liegen die Anziehsachen von Frau Kreis. Viele edle, bunte Blusen und Pullover ziehen sich durch die Regale. Frau Kreis weiss, was ihr steht. Fatima Maerten gibt sich Mühe und stellt eine Kombination zusammen aus einer gelben Bluse und einer blauen Faltenhose. Frau Kreis strahlt. Ihre stahlblauen Augen schauen Frau Maerten voller Verständnis und Dankbarkeit an.

Ursina Kreis ist eine edle Dame. Ihre Augenbrauen sind angemalt. In der Kommode neben dem Bett versteckt sich prunkvoller Schmuck. Ohne Schmuck geht Frau Kreis nicht aus dem Zimmer. Weisse grosse Ohrklipper, eine Perlenkette und eine braune Brille schmücken sie: „Gehört das mir?“.

Die wohlhabende Frau ist in Wien geboren. Sie heiratete, bekam aber nie Kinder. Als Näherin verdiente sie gutes Geld. Fatima Maerten kämmt Frau Kreis` dünnes, grau-glitzerndes Haar. Ein Haar-Reif macht das Tüpfelchen auf dem I perfekt.

„Wo haben sie früher gearbeitet Frau Kreis?“
„Dort oben“.

Man sollte W-Fragen stellen, aber Warum und Wo können demente Personen nicht genau definieren. Direkte Fragen wie: „Waren Sie Chefin?“, darauf können sie meist gezielt antworten: „Ja“.

Es sind noch lange nicht alle Bewohner aus dem Bett geholt worden. Ein paar Türen weiter, in Zimmer Nummer 5, liegt Marlene Bäcker. Sie leidet an fortgeschrittener Demenz. Demenz ist ein Oberbegriff für alle Krankheiten mit kognitiven Störungen. Alzheimer beispielsweise ist eine Demenz-Form, die am häufigsten, bei 60-70 Prozent der dementiell erkrankten Menschen vorkommt. Neben dem Gedächtnisverlust kommen folgende Symptome hinzu: Aphasie – Störung der Sprache, Apraxie – beeinträchtigte Fähigkeit motorische Aktivitäten auszuführen. Agnosie – Unfähigkeit, Gegenstände zu identifizieren beziehungsweise wiederzuerkennen. Störung der Exekutivfunktionen – Die Fähigkeit zu planen, zu organisieren und das Einhalten einer Reihenfolge sind vermindert. Aber auch da gibt es verschiedene Erkrankungsstadien, denn wann und wie sie eintreffen sind unterschiedlich.

Die Vorhänge in Zimmer Nummer 5 bleiben noch gezogen. Über dem Bett hängt ein selbstgebasteltes Mobilé mit violetten Tüchern, das leicht in alle Richtungen dreht und einen in ein Kinderzimmer versetzt. Marlene Bäcker verbringt die meiste Zeit im Bett. Die Mitarbeiter wollen es ihr so gemütlich einrichten, wie es geht. Frau Bäcker hat die Sprache und Motorik verlernt.

Demenz ist wie eine Zwiebel. Die Hirnzellen sterben ab, der Mensch entwickelt sich zurück. Beim Schälen einer Zwiebel geht Schicht für Schicht weg und am Schluss bleibt nur noch ein kleiner Knorpel übrig, dort, wo alles begann, so beschreibt Fatima Maerten den Hirnzerfall.

Um Marlene Bäcker zu wecken, braucht es Geduld und Erfahrung. Frau Maerten klopft mehrmals an das hölzerne Bett. Gleichzeitig nähert sie sich dem Ohr: „Guten Morgen Frau Bäcker, wachen sie auf.“ Frau Maerten beginnt mit der Basalstimulation, dabei werden Arme gestreichelt, Beine massiert und an den Füssen gezogen, damit sich Frau Bäcker selbst wieder spürt. Durch das Ziehen und Lockern der Beine gibt es Impulse an den Kopf weiter. Marlene Bäcker reagiert mit einem langen „Jooooo!“. Sie reisst den Mund auf und schnauft tief ein. Sie befeuchtet ihre Lippen mit der Zunge. „Haben Sie Durst, Frau Bäcker?“ Wiederum reagiert sie mit einem starken Laut.

Der Pflegevorgang wird vollzogen. Marlene Bäcker liegt in der Embryo-Stellung da. Sie hat sichtliche Kontrakturen, die Hände sind steif und ihr gesamter Körper ist gekrümmt. Frau Bäcker zittert vor Kälte und ihre Geräusche werden lauter und intensiver. Fatima Maerten spricht sie immer wieder mit ruhiger Stimme an. Sie wendet die Kinästhetik an. Sie nimmt Frau Bäcker auf, bleibt auf dem Bettrand mit ihr sitzen und umarmt sie fest. Ein paar Sekunden lang. Sichtlich entspannt sich der Körper. Marlene Bäcker sitzt nun mit geraden Beinen auf dem Bett. Zu zweit wird sie in den Rollstuhl gesetzt. Sie ist ruhiger geworden und gibt keinen lauten Ton mehr von sich. Im Badezimmer legt sie ihre Hände ins Wasser. Nach wenigen Minuten entspannen sich ihre Hände so, dass sie sie sogar strecken kann.

Aus dem Wohnraum ertönt ein „Hallo!“. Es hört nicht mehr auf, es hallt durch alle Räume, man kann dieses „Hallo!“ nicht abschalten.

Die Personen, die nicht allein essen und trinken können, haben ein Lätzchen umgebunden und ihnen wird die Mahlzeit vom Pflegepersonal eingegeben.

Heute gibt’s Kürbis-Suppe.
„He, Chef“, ruft Fatima Maerten.
Martin Schumacher reagiert sofort: „Ja“, und lächelt stolz.

Herr Schumacher war Unternehmungsleiter der Firma Starrag in Rorschach. Er sieht die Pflegerinnen und Pfleger als seine Mitarbeitende. Mit einem starken Griff den Löffel in der rechten Hand kostet Martin Schumacher an der Kürbis-Suppe.

„Schmeckt’s?“
„Mhhmm sehr lecker“.
Plötzlich legt er den Löffel bei Seite und fängt im Kopf in seiner Fabrik an zu arbeiten. „Brummmmbrummmm. Hehe. Ja, so macht die Maschine“.

Fatima Maerten begibt sich langsamen Schrittes zu Martin Schuhmacher: „Herr Schuhmacher, das ist der Löffel und das ist die Suppe. Sie essen sonst auch immer schön auf“. Er isst weiter und legt den Löffel gleich wieder auf den Tisch. Er vergisst, dass er am essen ist.

Nun wird ein gemischter Salat aufgetischt. Plötzlich beginnt Herr Schuhmacher selbst das Besteck in die Hand zu nehmen. Er sieht schlecht, daher ertastet er mit der Gabel das Essen. Manchmal schiebt er sich die leere Gabel in den Mund. Es braucht viel Geduld aber schlussendlich, ohne Ablenkung, isst er alles auf. Keinen Mucks gibt er von sich. Jetzt kleckert er sein blaues Hemd voll: „Gopfedeckel!“

Plötzlich steht er auf und hält die Hände zwischen die Beine. Eine Pflegerin hängt sich in seinen linken Arm ein: „Wir gehen zusammen auf’s WC.“ Herr Schuhmacher: „Aber nöd do alange“.

Die Hauptspeise Käsefladen oder „Schnippo“ steht bereit. Viele Bewohner essen und trinken selbstständig. Einige graben im Teller mit ihren Händen und schaufeln sich das Ergatterte mit den Fingern in den Mund. In einigen Tellern ist ein Plastikring festgemacht, damit das Essen nicht vom Teller rutscht.

Martin Schuhmacher wieder am Tische, isst genüsslich seinen Käsefladen. Zwischendurch schaut er in die Runde.

Die Bewohner beobachten sich gegenseitig und unterhalten sich. Sie sprechen aneinander vorbei oder reagieren gleichzeitig mit einem Ja und Nein.

Das „Hallo“ ertönt wieder aus dem Wohnraum, mehrmals hintereinander. Die kleine Julia Kuhn, gebückt wie Quasimodo, reagiert mit einem nervigen Unterton: „Hallo. Wer ist denn der Hallo? Such doch den Hallo, ich weiss auch nicht, wo der Hallo ist!“.

Jetzt hat Fatima Maerten eine Stunde Mittagszeit. Grosse Entspannung ist nicht zu sehen. Schnell geht sie ins Restaurant und schlingt das Essen hinunter. Mit den Gedanken ist sie immer noch bei den Bewohnern.

Gegen 13 Uhr folgt im Wohraum der Dessert mit Kaffee, Tee, Quark, Pflaumenweihe und Schokolädchen.

Am Tisch mit der kleinen Frau Kuhn: „Wo ist der Kaffee? Ja, man braucht Geduld. Ich glaube, es geht länger bis der Kaffee kommt. Ich gehe schnell in die Stadt und komme wieder“. Sie stützt sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab und läuft um den Gang. Nach wenigen Minuten kommt sie wieder: „Ist der Kaffee jetzt da?“.

Um den Aufenthalt abwechslungsreich zu gestalten und die Menschen miteinander zu verbinden gibt es Nachmittage mit: Tischspiele, Musik, Kochen, Stricken, Malen, ein Treffen mit dem gesamten Haus, Gottesdienste, Jassen, Lotto, Ergotherapie, Malen, Basteln und Spaziergänge um den hauseigenen Teich oder eine Ruhepause auf der Dachterrasse, wo der Blick über die österreichischen Berge, den Bodensee bis nach Deutschland schweift.

Der selbsteingerichtete Garten für die Dementen, ist mit Holztrögen und essbaren Pflanzen wie beispielsweise Kapuzinerkresse gestaltet. „Schwester, sind sie auch hier?“, fragt Frau Hobel. „Ich habe starkes Bauchweh“. Fatima Maerten streichelt ihr sanft über den Kopf. „Sie können mir helfen“, lenkt Frau Maerten sie ab und bezieht sie in die Gartenarbeit mit ein.

Frau Hobel war Wirtin im Restaurant Ruhberg in Tübach und sitzt nun im Rollstuhl. Die Sonnenstrahlen erwärmen die Haut. Dann bläst plötzlich ein kühler Wind vom Bodensee.

„Gehen wir wieder rein, es wird ungemütlich“.

*alle Namen der Demenzpatienten wurden von mir geändert. Die Anzahl der Bewohner könnten sich in der Zwischenzeit geändert haben.

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